G20 Roland

1937

Die Akaflieg Graz wurde am 14. Oktober 1921 als Gleit- und Segelflugabteilung an der Technischen Hochschule Graz errichtet. In den folgenden Jahren konstruierten Mitglieder zahlreiche Gleit- und Segelflugzeuge, die in Gruppenarbeit hergestellt wurden. Unter diesen Maschinen befand sich auch die erste Motorseglerkonstruktion der Steiermark.
Diese Maschine wurde 1934 entworfen und war nach Ausbau des Motors als Übungssegelflugzeug verwendbar. Bei der Konstruktion wurde besonderer Wert auf einen niedrigen Anschaffungspreis, kurze Bauzeit und harmlose Flugeigenschaften gelegt. Als Segelflugzeug sollte sie für die Ablegung der C-Prüfung geeignet sein, als Motorsegler zur Weiterschulung von C-Piloten für das Thermiksegeln dienen.
Der Motorsegler wurde von dem Gruppenmitglied der Akaflieg Graz cand. ing. Eduard Walzl konstruiert. Der Entwurf stammte aus dem Jahre 1934, ebenso wurde in diesem Jahr mit dem Bau begonnen.
Fertiggestellt wurde der Motorsegler schließlich bei der Segelfliegergruppe Nr. 500, wie die Akaflieg Graz nach Zusammenlegungen mit anderen Segelfliegergruppen schließlich im Jahre 1937 nach dem Organisationsstatut des Österr. Aero-Clubs genannt wurde.

Die feierliche Taufe erfolgte am 23. Jänner 1937 im Festsaal der Technischen Hochschule Graz. Die Taufe nahm die Gemahlin des Rektors, Frau Herma Zotter mit den Worten: „Dein Name sei Roland“, vor. Der Landesleiter des Österreichischen Aero-Clubs, Dipl.-Ing. Walter Rath, überbrachte die Grüße des Präsidenten und aller steirischen Segelflieger.
Das Flugzeug hatte eine Spannweite von 12,5 m und ein Leergewicht von 200 kg. Als Motor war ein 23 PS starker Douglas Zweizylinder vorgesehen, doch vorher sollte das Flugzeug vom Flugleiter der Gruppe, Dipl.-Ing. Oblt. Walter Mühlbacher im Flugzeugschlepp eingeflogen werden.
Nach der Taufe wurde am Grabe des Kameraden Roland Maxon von der Gruppe Nr. 500 ein Kranz niedergelegt.

Der Erstflug der G 20 „Roland“ erfolgte am 6. Februar 1937 in Thalerhof. Dipl.-Ing. Oblt. Walter Mühlbacher saß im Cockpit der G 20 und wurde zunächst ohne Motorstart von Bezirks-Inspektor Feldpilot Driemer mit einem Brandenburger-Doppeldecker hochgeschleppt. Die „Roland“ erwies sich dabei als sehr stabil und wendig.
Zunächst hatte der Segler einen 23 PS Douglas Motor erhalten. Ein Spezialmotor, entworfen vom Gruppenmitglied Dipl.-Ing. Alfred Oswald, war im Bau. Der Motor war eine Spende des damaligen Präsidenten des ÖÄeC, Ulrich Fürst Kinsky, ein Förderer der Akagfliegs.
Aus eigener Kraft startete der Motorsegler erstmals am 27. Mai 1937 vom Flugplatz Thalerhof aus. Als erster war Dipl.-Ing. Franz Hoffmann, ein versierter Pilot und Fluglehrer des damaligen österreichischen Fliegerregiments Nr. 2, an der Reihe, Nach einer Startrollstrecke von etwa 40 bis 50 Meter hob sich der Vogel in die Höhe. Nach einigen Platzrunden mit Steilkurven ging Hoffmann auf 300 m Höhe und landete schließlich nach einer Flugzeit von 30 Minuten. Er erkläte nach der Landung: „Der Vogel sei wendig, ein bißchen empfindlich, fliegt aber gut. Es ist ein Vergnügen in dieser Kiste zu sitzen.“

Im Start stieg der Motorsegler etwa mit 65 km/h, im Horizontalflug erreichte er bei Vollgas eine Geschwindigkeit von 125 km/h und landete mit etwa 50 km/h. Die Sinkgeschwindigkeit betrug ca. 1,1 m/s, alles etwa die berechneten Werte.
Den zweiten Flug unternahm Mühlbacher, dann folgte Oswald. Für die Gruppe Nr. 500 war es ein erfolgreicher Tag.
Den Abschluß machte Hoffmann, der bei seinem dritten Flug eine längere Reise unternahm, wobei er in einer Thermik mit 5 m/s stieg.

Anschließend kam die G 20 zur Überprüfung an das Luftamt nach Wien, was mehrere Monate dauerte. Zu Beginn des Jahres 1938 besaß die Akaflieg, Segel- und Motorfliegergruppe Nr. 500 im ÖÄeC, das Segelflugzeug „Schöckelfalke“, den verkleideten Schulgleiter „Konrad“ und den Motorsegler „Roland“. Nach dem Anschluß wurde der österreichische Flugsport am 17. März 1938 in das NS-Flieger-Korps übergeführt, nach wenigen Wochen die Gruppe jedoch aus dem aktiven NSFK-Dienst gelöst und als Akaflieg Graz bzw. als flugtechnische Fachgruppe an der Technischen Hochschule Graz auch fliegerisch wieder selbständig gemacht.

Dipl.-Ing. Walter Strobl flog im Sommer 1939 mit dem „Roland“ zu einem Vergleichsfliegen nach Göttingen. Die Flugstrecke ging von Graz nach Linz-Nürnberg-Meiningen-Göttingen. Nach dem Vergleichsfliegen flog Strobl noch nach Berlin und von dort zurück über Schkendiz-Leipzig-Nürnberg-München-Prien-Salzburg-Graz. Als während des Fluges bei Nürnberg die Kerzen verölten, legte Strobl die Strecke Nürnberg-München ohne Motorhilfe im Segelflug zurück.

Während des Krieges wurden noch zwei Motorsegler gebaut (G 21 und G 22).
Die „Roland“ hatte den Krieg mit den anderen Maschinen unversehrt überstanden, vom Alliierten Rat war aber jegliche flugtechnische und fliegerische Tätigkeit verboten worden. Vom Motorsegler hatte in den ersten Tagen der Besatzungszeit ein Interessent die Räder abmontiert.

Als die Besatzer erfuhren, daß eine Wiederaufnahme des Segelfluges geplant werde, mußten alle Maschinen und Motoren in den Hof der Polizeidirektion Graz gebracht werden, wo sie in Kleinholz zersägt wurden. Der Motorsegier „Roland“ war jedoch verschwunden.

Den Namen „Roland“ erhielt die Maschine nach dem am 5. August 1932 tödlich verunglückten Kameraden Roland Maxon. Bei einem Flug während des Fliegerlagers auf der Pretulalpe (25. Juli bis 20. August) mit dem Schulgleiter „Konrad“ der Akaflieg Graz vom Stuhleck in Richtung Spital am Semmering geriet Maxon in einen Abwind und streifte eine Baumspitze, verlor dabei eine Tragfläche und stürzte mit dem Rest des Flugzeugs in den Steingraben. Der Rumpf des Apparates war total zertrümmert, der zweite Flügel jedoch nur leicht beschädigt.

Baubeschreibung:
Rumpf und Leitwerk: Sechseckige Holzkonstruktion mit Sperrholzbeplankung, freitragendes Leitwerk in üblicher Anordnung, Höhenflosse vor der Kielflosse. Offenes Cockpit vor der Tragfläche. Zweiteiliger Hochdeckerflügel, einholmig mit Sperrholznase. Auf jeder Seite eine Profilstrebe zur Rumpfunterkante. Die Tragflächentiefe ist über den größten Teil der Spannweite gleichbleibend. Im äußeren Bereich ist die Tragflächenhinterkante nach vorne gezogen.
Fahrwerk: Zwei Ballonräder sitzen auf einer durchgehenden nicht gefederten Achse, dazwischen liegt eine mit zwei Gummiringen gefederte Kufe.
Triebwerk: Zweizylinder-Viertakt Douglas „Sprite Mk l“ von 22 PS Nennleistung bei 2800 U/min, 24,5 PS bei 3150 U/min. Er ist über dem Flügel auf sechs Streben gelagert, die unten in zwei, am Motor in vier Punkten angreifen, dazu nach jeder Seite eine Stützstrebe zum Flügel. Das durch die hohe Lagerung des Motors verursachte kopflastige Moment beim Kraftflug wirkt sich nicht störend aus, da die Achse des Motors positiv angestellt ist, um eine bessere Beaufschlagung des Leitwerks zu erhalten.

  • Spannweite     12.5 m
  • Länge     6.4 m
  • Flügelfläche     14.7 m2
  • Gewicht     200 kg
  • Flächenbelastung     20.5 kg/m2
  • Höchstgeschwindigkeit     125 km/h
  • Steiggeschwindigkeit     1.5 m/s
  • Startstrecke     70-80 m

 

Roland-3s
Dreiseitenriß von Dipl.-Ing. R. Keimel, Technisches Museum Wien
RolandMotor
Motoreinbau
RolandBau
Roland im Bau

Roland2Roland3 RolandFlug  Roland-no-x
Text: Dipl.-Ing. Reinhard Keimel, Technisches Museum Wien
Literaturhinweise: Motorgleiter G 20 „Roland“ der Akaflieg Graz, in: Flugsport 1937, Heft 22, S. 609. Motorgleiter „G 20 Roland“ der Akaflieg Graz, in: Der Flieger. Zoffmann H. und Lanz H., Die Geschichte der Akaflieg Graz, zum 50-jährigen Bestehen am 14. Oktober 1971, 1921-1937 und 1938-1945, in: Mitteilungen des Verbandes der akademischen Fliegergruppen Österreichs (Veraflieg) Heft 3, Graz 1971. Archiv Dipl.-Ing. A. Oswald und Archiv Akaflieg Graz.